1. Einleitung
Der sog. Teppich von Bayeux ist ein in seiner Art singuläres historisches Objekt, das in einzigartiger Weise über die Vorgänge rund um die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066 unterrichtet. Die Bezeichnung „Teppich“ ist insofern irreführend, als man mit dieser Bezeichnung gemeinhin einen Bodenbelag oder Wandbehang assoziiert, der entweder auf einem Webstuhl produziert worden ist oder dessen Motive in die parallel verlaufenden Kettfäden eingeknüpft worden sind. Beim Teppich von Bayeux ist weder das eine noch das andere der Fall, vielmehr wurden die auf dem Teppich dargestellten Szenen in eine, aus mehreren Einzelteilen bestehende, knapp 70 Meter lange und ca. 50 cm hohe aus Leinen gefertigte Stoffbahn eingestickt.
Der Teppich inszeniert Ereignisse, die sich in den 60er-Jahren des 11. Jhs. zutrugen und die letztlich in der Beseitigung der angelsächsischen Herrschaft in England durch die Normannen kulminierten. Unmittelbar nach dem Tod des angelsächsischen Königs Eduards des Bekenners zu Beginn des Jahres 1066 wurde der angelsächsische Herzog Harald Godwinson zum König gekrönt. Dies veranlasste den normannischen Herzog Wilhelm (den 'Eroberer'), mit einer großen Streitmacht über den Ärmelkanal überzusetzen, um Harald vom englischen Thron zu vertreiben und sich selbst zum König krönen zu lassen. In der entscheidenden Schlacht in der Nähe von Hastings (beim heutigen Ort Battle) siegen schließlich die Normannen über die Angelsachsen, König Harald fällt in der Schlacht. In der Folge übernehmen die Normannen in ganz England die Herrschaft.
Neben der Überfahrt der normannischen Invasionsflotte und der Schlacht bei Hastings sind auf dem Teppich von Bayeux auch Vorgänge aus der Zeit davor dargestellt, die offenkundig in engem Zusammenhang mit der normannischen Invasion zu sehen sind. Die Darstellungen auf dem Teppich beginnen mit der Entsendung des angelsächsischen Herzogs Harald nach Frankreich durch Eduard den Bekenner. Sinn und Zweck dieser Reise sind nicht mit allerletzter Sicherheit feststellbar, sehr wahrscheinlich ging es jedoch um die Regelung der Nachfolge des damals nicht mehr ganz jungen Eduards (* um 1004). Der Teppich zeigt, wie Harald den Auftrag erhält, sich sodann in den Hafenort Bosham an der englischen Südküste begibt und von dort nach Frankreich übersetzt. Bei seiner Landung, die möglicherweise aufgrund eines Sturmes nicht an der vorgesehenen Stelle erfolgte, werden Harald und seine Mannen vom Grafen Guy (Wido) von Ponthieu gefangen genommen. Der normannische Herzog Wilhelm erfährt von der Gefangennahme, entsendet Boten zum Grafen Guy und erwirkt Haralds Freilassung. In der Folge hält sich Harald längere Zeit bei Wilhelm auf und begleitet ihn auch auf einen Feldzug gegen die Bretagne, in dessen Verlauf er sich sehr verdient macht. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Feldzugs wird Harald mit Waffen ausgestattet, und Harald leistet dem Wilhelm einen Eid. Der konkrete Gegenstand dieses Eids ist nicht ganz gesichert, er scheint jedoch im Hinblick auf die angelsächsische Thronfolge eine wesentliche Rolle gespielt zu haben. In jedem Fall ist darin eine Verpflichtung Haralds gegenüber Wilhelm zu erkennen, gegen die er schließlich durch die Annahme der angelsächsischen Krone verstoßen zu haben scheint. Nach der Eidesleistung kehrt Harald nach England zurück und erstattet dem König Eduard Bericht. Eduard stirbt kurz darauf, und mit der Thronbesteigung Haralds nehmen schließlich die Ereignisse ihren Lauf, die, wie beschrieben, in der Eroberung Englands durch die Normannen münden.
Seit jeher hat der Teppich von Bayeux das Interesse der Menschen auf sich gezogen. Spätestens seit dem 19. Jh. ist er so oft Gegenstand auch wissenschaftlicher Abhandlungen gewesen, dass eine einschlägige, im Jahr 2015 erschienene, kommentierte Bibliographie (Szabo/Kuefler 2015) fast 1800 Einträge umfasst und mit 576 Seiten mittlerweile selbst den Umfang eines Buches angenommen hat. Die Literatur ist also derart unübersichtlich geworden, dass nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, ob die im Folgenden dargelegten Beobachtungen nicht bereits früher von anderen gemacht worden sind.
Als Grundlage für eine quellenbasierte Studie des Teppichs von Bayeux kann die Prachtausgabe von Wilson 1985 dienen, die eine großformatige Reproduktion des Teppichs in seiner ganzen Länge und in so guter Qualität zur Verfügung stellt, dass zumindest die ikonographisch wichtigen Details darauf gut erkennbar sind. Eine gemeinfreie Abbildung des gesamten Teppichs in hinreichend guter Auflösung ist in der Mediathek von Wikimedia konsultierbar.
Meine Absicht ist, im Folgenden zwei Teilaspekte in den Blick zu nehmen, von denen ich den Eindruck gewonnen habe, dass sie bislang noch nicht ausreichend oder angemessen gewürdigt worden sind. So geht es mir zunächst um die Frage, welche der Figuren, die auf dem Teppich in der Szene des Todes von Harald Godwinson dargestellt sind, nun tatsächlich als Harald zu identifizieren ist. Es schließen sich einige Anmerkungen zu den naturräumlichen Gegebenheiten an der englischen Südküste zur Zeit der normannischen Invasion an.
2. Tod König Haralds
Lange Zeit ging man davon aus, dass König Harald im Verlauf der Schlacht bei Hastings durch einen Pfeil getötet wurde, der ihn im Auge traf. Diese Annahme beruhte im Wesentlichen auf der Tatsache, dass in der entsprechenden Szene auf dem Teppich von Bayeux der Name "Harold" der Beischrift "hic Harold rex interfectus est" unmittelbar über der Person mit dem Pfeil im Auge steht.
Spätestens mit einer Publikation von Martin E. Foys im Jahr 2009 (Foys 2009) kamen diesbezüglich jedoch Zweifel auf. Foys wies zum einen auf eine Reihe von Fällen hin, bei denen auf dem Teppich von Bayeux eine Namensbezeichnung nicht unmittelbar über oder neben der entsprechenden Person steht (Foys 2009, 171f.), zum anderen erkennt er eine kompositionelle Rahmung der Kämpfergruppe, in der ein Reiter seinen Gegner mit einem Schwerthieb zu Boden streckt (Foys 2009, 172-174). Die Rahmung, von der Foys spricht, ergibt sich dadurch, dass die Figurengruppen links und rechts dieser Szene sich jeweils von dieser abwenden. Dadurch wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Figurengruppe dazwischen gelenkt. All dies lässt Foys zu dem Schluss kommen, dass es nicht der Kämpfer mit dem Pfeil im Auge ist, bei dem es sich um Harald handelt, sondern vielmehr der mit dem Schwert niedergestreckte.
Zu den von Foys vorgetragenen – und in meinen Augen vollkommen plausiblen – Argumenten, kann ein weiteres Indiz hinzugefügt werden: Der vom Reiter mit dem Schwert niedergestreckte Kämpfer war offenkundig mit einer Langaxt bewaffnet. Diese Waffe hat sehr wahrscheinlich eine Sonderstellung besessen. Langäxte erscheinen auf dem Teppich von Bayeux als Herrschaftssymbol, und zwar vor allem im Bereich der Angelsachsen. So wird eine solche Langaxt hinter Harald hergetragen, als er, nach seiner Rückkehr aus Frankreich, König Eduard aufsucht. Auch hinter Eduard steht eine Person, die eine Langaxt hält.
Gleich zwei Langäxte erscheinen in der Szene, die die Krönung Haralds zum König der Angelsachsen zeigt, und man fragt sich, ob nicht jede dieser beiden Äxte jeweils für eine andere Würde steht: die eine für die Königs-, die andere für die Herzogswürde.
Die Darstellung könnte man so lesen, dass Harald mit seiner Linken die Herzogsaxt von sich wegstreckt, um diese gleichsam niederzulegen. Sein Kopf wendet sich symbolisch von dieser Axt ab, und er blickt auf die ihm entgegengestreckte Königsaxt, über die - um es ganz deutlich zu machen - die Krone gehalten wird.
Eine Langaxt hält auch der Graf Guy (Wido) von Ponthieu, der Harald bei seiner ersten auf dem Teppich dargestellten Reise nach Frankreich gleich bei dessen Ankunft hatte gefangennehmen lassen, als Boten Wilhelms zu ihm kommen, um über die Freilassung Haralds zu verhandeln.
Die Darstellungen des Teppichs von Bayeux lassen den Eindruck entstehen, dass die Langaxt ein spezifisch angelsächsisches Herrschaftssymbol ist, Guy hingegen ist Herr einer Grafschaft des Frankenreichs und Mitglied einer karolingischen Familie. Daher könnte man daran denken, dass es sich bei der von Guy gehaltenen Axt um die von Harald handelt. Die Axt in Guys Hand stünde dann symbolisch dafür, dass sich Harald in der Hand Guys befand. Sicherheit lässt sich freilich nicht erzielen. Fest steht hingegen, dass die Langaxt an keiner Stelle auf dem Teppich von Bayeux im normannischen Kontext erscheint, sie ist dort zweifelsfrei ein angelsächsisches Machtsymbol.
Am Rande sei eine Bemerkung zu der in der Szene hinter Guy stehenden Figur erlaubt. Die Darstellungen des Teppichs zeigen mehrfach Szenen, in denen während eines Gesprächs zweier Protagonisten Personen in vergleichbarer Weise hinter einem der Gesprächspartner stehen. Dies ist u. a. bei den Begegnungen zwischen Wilhelm und Harald der Fall, so etwa bei der Darstellung ihres ersten Zusammentreffens im Herzogspalast in Rouen oder auch in der zentralen Szene, in der Harald dem Wilhelm den Eid schwört.
Es ist bekannt, dass es zwischen Normannen und Angelsachsen Verständigungsprobleme gegeben haben muss. Die Normannen sprachen einen altfranzösischen Dialekt (Altnormandisch), die Angelsachsen hingegen Altenglisch. Ein Schlaglicht auf die Sprachsituation im Kontext der normannisch-angelsächsischen Auseinandersetzungen wirft eine beiläufige Bemerkung Wilhelms von Poitiers in seiner Schilderung der Schlacht bei Hastings. Er schreibt (Gesta Guilelmi 2, 17, ed. Chibnall/Davis 1998): Altissimus clamor, hinc Normannicus, illinc barbaricus armorum sonitu et gemitu morientium superatur (Lautestes Geschrei, hier normannisches, dort barbarisches, wurde durch den Klang der Waffen und das Gewimmer der Sterbenden übertönt2).
Wenigstens im Fall der Begegnungen zwischen Wilhelm und Harald fragt man sich daher, ob es sich bei den jeweils hinter Wilhelm dargestellten Figuren nicht um Dolmetscher handeln könnte.3 Natürlich käme generell auch eine Identifizierung als Berater in Betracht - auch bei einer Unterredung zwischen den beiden Angelsachsen Harald und König Eduard stehen jeweils ähnliche Figuren hinter den Gesprächspartnern. Somit dürfte es sich auch im Fall der Person hinter dem Grafen Guy bei dessen Begegnung mit den normannischen Boten eher um einen Berater handeln, zumal sprachliche Verständigungsprobleme hier wohl ausgeschlossen werden können.
Dass die Langaxt nicht nur rituell eine Rolle spielte, sondern auch im Kampfgeschehen ihren Träger als etwas Besonderes erscheinen ließ, wird an verschiedenen Stellen der Darstellung der Schlacht bei Hastings deutlich. So wird etwa ein kleiner Trupp angelsächsischer Kämpfer von einem Standartenträger und einem Kämpfer mit einer Langaxt angeführt, die Figuren hinter diesen offenkundigen Protagonisten sind alle nur mit Speer und Schild bewaffnet.
Akzeptiert man die besondere Rolle der Langaxt als Statussymbol, so lassen sich im Schlachtgetümmel auch die beiden Brüder Haralds, Leofwine4 und Gyrth5, zweifelsfrei identifizieren. Die Darstellung von deren Tod ist mit den Worten überschrieben: Hic ceciderunt Levvine et Gyrdh fratres Haroldi regis. Darunter ist die folgende Szene zu sehen:
Ebenso wie in der Szene mit der Darstellung des Todes von Harald orientierte man sich bei der Identifizierung der beiden Brüder an der Positionierung der entsprechenden Namen im begleitenden Text. Dies führte dazu, dass man die Figur rechts unterhalb des Namens LEVVINE mit Leofwine und den Kämpfer direkt unterhalb von GYRD mit Letzterem indentifizierte (vgl. etwa Davis 2011, 92). Aus besagten Gründen liegt es jedoch näher, in den beiden Kämpfern mit den Langäxten die Brüder Haralds zu erkennen. Für diese These spricht auch, dass es genau zwei Kämpfer sind, die in dieser Szene mit einer Langaxt bewaffnet sind – und nicht mehr.
Während einerseits also die Langaxt deren Träger als Person von herausragender Stellung markiert, so ist die Bewaffnung mit ausschließlich einem Speer anscheinend Kennzeichen der niederrangigen Chargen. Dies wird z. B. in der soeben schon erwähnten kleinen Truppe mit dem die Langaxt führenden Kämpfer in der Darstellung der Schlacht bei Hastings deutlich, wo die augenscheinlich einfachen Mannen eben diese Bewaffnung haben. Mehrfach sind auf dem Teppich außerdem Szenen zu sehen, in denen eine hochrangige Person jeweils von einer ihm folgenden Entourage begleitet wird, deren Mitglieder stets Schild und Speer als Bewaffnung führen, wobei hinzuzufügen ist, dass hier kein Unterschied zwischen Angelsachsen und Normannen auszumachen ist. Als Beispiel kann die Szene genannt werden, die die Übergabe Haralds durch den Grafen Guy an Wilhelm zeigt:
Die Bevorzugung des Speers als Waffe der niederen Chargen erklärt sich vielleicht durch den vergleichsweise geringen Materialeinsatz, der für die Herstellung eines Speeres erforderlich ist. Sofern jedenfalls der Speer tatsächlich als ein Kennzeichen einer niedrigen Rangstellung auf dem Teppich zu verstehen ist, so lässt sich daraus ein weiteres Argument gegen die These gewinnen, dass es sich bei dem Mann mit dem Pfeil im Auge um König Harald handelt, denn dieser Mann ist mit einem Speer bewaffnet.
Anzumerken ist, dass die wohl früheste schriftliche Quelle, die über die Schlacht von Hastings berichtet, das Carmen de Hestingae Proelio, nichts von einer Tötung Haralds durch einen ins Auge geschossenen Pfeil weiß.6 In dem in Distichen verfassten Lied, das wohl noch im Jahr der Schlacht verfasst wurde, heißt es, Harald sei von Wilhelm und drei namentlich genannten Mitstreitern – Eustachius (auch: Eustatius) von Boulogne, Hugo von Ponthieu und einem gewissen Gilfard (= Giffard?) – attackiert und getötet worden. In den Versen 531-540 heißt es (zitiert nach Morton/Muntz u.a. 1972):
Iam ferme campum uictrix effecta regebat,
Iam spolium belli Gallia leta petit,
Cum dux prospexit regem super ardua montis
Acriter instantes dilacerare suos.
Aduocat Eustachium; linquens ibi prelia Francis,
Oppressis ualidum contulit auxilium.
Alter ut Hectorides, Pontiui nobilis heres
Hos comitatur Hugo, promtus in officio;
Quartus Gilfardus, patris a cognomine dictus:
Regis ad exicium quatuor arma ferunt.
Schon beherrschte das siegreiche Frankreich sicher das Schlachtfeld,
schon griff es, das fröhliche, nach dem Siegeszeichen des Krieges,
als der Herzog den König auf dem steilen Abhang des Berges
die Seinen (= normannische Kämpfer), die heftig auf ihn einstürmten, zerhacken sah.
Er rief den Eustachius heran; die Kämpfe dort den Franken überlassend,
brachte er den Bedrängten wertvollen Beistand.
Wie ein zweiter Sohn Hectors begleitete der wohlgeborene Erbe von Ponthieu, Hugo, dienstfertig die beiden.
Als Vierter (war da) Gilfard, nach dem Beinamen seines Vaters genannt.
Die Vier brachten die Waffen zum Verderben des Königs.
Bei Eustachius handelt es sich zweifelsfrei um den Grafen Eustachius (auch: Eustatius) von Boulogne. Er besaß eine prominente Stellung im Umfeld Herzog Wilhelms und wird auch in anderen Quellen genannt. Im Carmen wird er in Vers 519 eingeführt und dort als wohlgeboren vorgestellt. Sein Name ist sehr wahrscheinlich auch auf dem Teppich von Bayeux zu lesen gewesen, und zwar just im Kontext der Darstellung der Schlacht bei Hastings.7 Hugo, aus dem Geschlecht der Grafen von Ponthieu, der hier als heres, "Erbe", bezeichnet wird, scheint niemals Graf von Ponthieu geworden zu sein, jedenfalls erscheint er nicht in der Reihe jener Grafen (auf Wido/Guido/Guy I., der auch auf dem Teppich von Bayeux in Erscheinung tritt, folgt 1101 Robert de Bellême, auf diesen 1110/1 wiederum Wilhelm III.). Um wen es sich schließlich bei jenem letztgenannten "Gilfard" handelt, ist nicht ganz klar. Morton/Muntz u.a. 1972, 34 A. 2 sprechen von "a 'Gilfard', probably Giffard". Möglicherweise handelt es sich um Walter Giffard, einen Vetter Wilhelms, es ist aber nicht ausgeschlossen, dass wir es hier mit einer weniger prominenten, nicht weiter bekannten Figur zu tun haben (vgl. Morton/Muntz u.a. 1972, 119f.).
Sobald die genannten Vier bei Harald angekommen waren, metzelten sie diesen nieder (Verse 545-549):
Per clipeum primus dissoluens cuspide pectus,
Effuso madidat sanguinis imbre solum;
Tegmine sub galee caput amputat ense secundus;
Et telo uentris tertius exta rigat;
Abscidit coxam quartus; procul egit ademptam;
Taliter occisum terra cadauer habet.
Durch den Schild spaltete der Erste mit der Lanze die Brust,
und der heraustretende Blutregen benetzte den Boden.
Unter der Kopfbedeckung, dem Helm, schlug das Haupt mit dem Schwert ab der Zweite;
Und mit dem Spieß lässt der Dritte die Eingeweide des Bauches zerfließen;
Und es trennte den Schenkel ab der Vierte und trug den abgetrennten weg.
So zu Tode gekommen, nahm die Erde den Leichnam auf.
Geht man davon aus, dass die Reihung von primus bis quartus der Aufzählung der Akteure in den Zeilen 531 bis 540 entspricht, so hat Wilhelm dem Harald die Brust mit dem Speer durchbohrt, Eustachius ihm das Haupt abgeschlagen, Hugo den Bauch aufgeschlitzt und Gilfard schließlich das Bein abgeschlagen. Jeder einzelne dieser Treffer hätte für Harald den Tod bedeutet, sehr wahrscheinlich auch das Abtrennen eines Beines wegen des unweigerlich damit verbundenen erheblichen Blutverlusts. Allein diese Übertreibung macht die Schilderung verdächtig. Überdies erregt die Darstellung, dass ausgerechnet Herzog Wilhelm an der Tötung Haralds beteiligt gewesen sein soll, eine gewisse Skepsis. Der Verdacht liegt nahe, dass es nicht anging, dass nicht Wilhelm höchstselbst seinen infamen, eidbrüchigen Gegenspieler zur Strecke gebracht hatte. Ähnlich könnte es im Hinblick auf die angebliche Beteiligung der beiden anderen prominenten Vollstrecker aussehen; auch sie sollten wohl ihren Teil des Ruhms abbekommen.
Ausgerechnet der Streich des letztgenannten Kriegers, jenes Gilfard, einer Figur, von dem offenbar nicht gesagt werden kann, dass er der Herzog oder Graf irgendeines mehr oder weniger bedeutenden Landstrichs gewesen ist, passt in der Beschreibung nicht schlecht zur Darstellung der Szene auf dem Teppich: Das Schwert des Reiters trifft den gefallenen Krieger am Bein. Wenn Gilfard nicht doch eine prominente, allgemein bekannte Persönlichkeit, sondern tatsächlich nur ein Kämpfer unter vielen gewesen ist, so könnte möglicherweise ausgerechnet er es gewesen sein, der tatsächlich König Harald getötet hat. Warum sonst hätte man ihn in diesem Kontext erwähnen sollen? Ganz verschweigen konnte oder wollte man ihn aufgrund seiner Leistung nicht, er musste jedoch gegenüber den Prominenten zurücktreten und figuriert in der Schilderung des Carmen, seiner Stellung in der sozialen Hierarchie entsprechend, an letzter Stelle. Freilich kann all dies letztlich nur Spekulation bleiben.
Ein weiteres Indiz dafür, dass der Langaxt-Kämpfer mit dem fallenden Harald zu identifizieren ist, mag man schließlich in dem überraschenden Zeilenumbruch des begleitenden Textes sehen. Die Buchstabenfolge "TUS EST" des Satzes "HIC HAROLD REX INTERFECTUS EST" wird nach unten in eine neue Textzeile gesetzt, obwohl in der darüberliegenden Zeile hinter INTERFEC nach rechts hin noch genügend Raum zur Verfügung gestanden hätte. Es sieht so aus, als entwickle sich der Text deiktisch genau in die Richtung, wo die Interfectio des Harald dargestellt ist.
3. Landung der normannischen Invasionsflotte an der englischen Kanalküste
Um eine etwas konkretere Vorstellung vom Aussehen der englischen Südküste zur Zeit der normannischen Invasion zu bekommen, eignet sich ein Blick auf die sog. Harbours, die sich in der Umgebung von Portsmouth zwischen Fareham im Westen und Chichester im Osten erstrecken.
Dabei handelt es sich um lagunenartige, den Gezeiten unterworfene Meeresbuchten, die am Ende der letzten Eiszeit entstanden sind. Damals wurden im Zuge des Anstiegs des Meeresspiegels die tiefgelegenen Bereiche der Mündungsgebiete der von Norden in den Ärmelkanal mündenden Flüsse vom Meer überflutet. Diese überfluteten Mündungsgebiete werden als „Ästuare“ bezeichnet. In gewissem Sinn handelt es sich bei einem Ästuar gleichsam um das Gegenstück zu einem Flussdelta, wie etwa der Nil an seiner Mündung ins Mittelmeer eines ausgebildet hat: Während im Fall eines Ästuars das Meer ins Land vordringt, dehnt sich bei einem Delta die Landmasse durch Anschwemmung von Erdreich ins Meer hinein aus.
Auch der Ort Bosham, in dem sich der Herzog Harald bei seiner ersten auf dem Teppich von Bayeux geschilderten Überfahrt nach Frankreich eingeschifft hatte, liegt im Bereich eines solchen Ästuars, genauer gesagt an einem Seitenarm des Chichester Harbour. Die Darstellung des Teppichs zeigt, wie Harald und seine Begleiter mit gerefften Beinkleidern das Schiff besteigen.
Ganz offenkundig gab es dort damals keine Kais oder Landungsbrücken. Die flach im Wasser liegenden Drachenboote konnten so nah an das Ufer gefahren werden, dass man sie watend erreichen konnte. Generell sind auf dem Teppich von Bayeux nirgendwo Hafenanlagen erkennbar, so dass man davon ausgehen kann, dass Dergleichen seinerzeit zumindest im angelsächsischen und normannischen Bereich nicht existiert hat.
Die Verhältnisse in der Umgebung von Bosham dürften sich seit den Tagen, die der Teppich von Bayeux schildert, kaum geändert zu haben. Auch heute noch liegt Bosham unmittelbar am Wasser des Chichester Harbour.
Dies ist ganz offenkundig dem Abschirmungseffekt zu verdanken, den hier die der Küste vorgelagerte Isle of Wight ausübt. Anders als weiter östlich werden hier Wind und Dünung von den Ästuaren abgehalten, was vor allem die sog. Strandversetzung verhindert, bei der Sand und Kieselsteine von West nach Ost verfrachtet werden, was östlich des Selsey Bill zur Abtrennung der auch dort ursprünglich vorhandenen Ästuare und deren nachfolgender Verlandung geführt hat.
Dies war offenbar auch das Schicksal des Ästuars bei Pevensey, dessen Ausdehung in etwa der heute dort liegenden Pevensey Levels entsprochen haben dürfte und sich im Netz der Entwässerungsgräben abzeichnet.
Der Prozess der Strandversetzung und der allmählichen Verlandung des dahinter liegenden Ästuars lässt sich heute noch gut im Bereich des Pagham Harbour unmittelbar östlich des Selsey Bill beobachten. Auf dem Satellitenbild ist sehr gut der nach Osten vordringende Kieseldeich erkennbar, der den Flusslauf in eine Linkskurve zwingt und dadurch die Fließgeschwindigkeit in der Zulaufzone verringert bzw. dort zu Aufstaueffekten mit Begünstigung der Verlandung führt.
Auch die Anhäufung der Kiesel jeweils auf der Westseite der Buhnen (rechtwinklig zum Küstenverlauf errichtete Barrieren) im Bereich von Eastbourne illustriert deutlich die Materialverfrachtung in westöstlicher Richtung:
Sehr wahrscheinlich dürfen wir uns die Verhältnisse im Bereich der normannischen Landung bei Pevensey durchaus ähnlich vorstellen, wie sie sich noch heute im Bereich von Bosham und dem Chichester Harbour präsentieren.
Die Lage von Bosham entspricht im übrigen dem damals Üblichen. 'Hafen'orte lagen wohl nur in Ausnahmefällen direkt an der Küste, zumeist jedoch weiter im Landesinneren und waren über Meeresarme oder Flussläufe erreichbar. Als prominente Beispiele können etwa die Wikingersiedlungen Haithabu in Schleswig-Holstein und Roskilde westlich von Kopenhagen genannt werden.
Die Lage im geschützten Hinterland der Küste ersetzte gewissermaßen die Funktion eines Hafens mit seinen Molen. Sehr wahrscheinlich hat auch die Invasionsflotte Wilhelms des Eroberers bei ihrer Ankunft an der englischen Südküste nach einem solchen Zugang ins Hinterland gesucht und ihn im bei Pevensey gelegenen Ästuar auch gefunden.9 Die Landung dürfte demnach irgendwo im Bereich der heutigen Pevensey Levels erfolgt sein, jedenfalls nicht direkt an der Küstenfront.
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